Marcus A. Woelfle, Bayerischer Rundfunk
Der Klang der Oboe ist vor allem durch die Barockmusik im kollektiven Unbewußten der Musikhörer präsent, der des tieferen Englischhorns eher aus sinfonischen Solopassagen der Spätromantik. Fast immer sind die Doppelrohrblattinstrumente Träger lyrischer Stimmungen; oft wecken sie durch ihre Verwandtschaft zum Hirteninstrument Schalmei pastorale Assoziationen. Seit Bob Cooper und Lester Young in den 50er Jahren haben viele Musiker mit mehr oder weniger Erfolg versucht, der Oboe und dem Englischhorn jazzmäßige Wirkungen abzuringen. Richtig heimisch wurden sie im Jazz nie. Annedore Wienert spielt sie so, wie sie Musikfreunde aus der klassischen Musik kennen und lieben, mit der dazugehörigen traditionellen Artikulationskultur, doch - das ist die Novität - sie tut dies in einem Jazzkontext. Mit einem direkt in das Herz des Songs und des Hörers treffenden Klangsinn geht sie ans Werk, offenbart Finesse und Feeling, ohne je der Versuchung zu erliegen, wirklich Jazz spielen zu wollen. Sie vermag den betörenden Klang ihrer Instrumente mit solch einer Innigkeit zu entfalten, dass man es nicht vermisst, dass sie keinen einzigen Chorus improvisiert. Sie lässt Pretiosen aus dem Great American Song Book und Originals aus der Feder Peter Wegeles in ihrer natürlichen Wirkkraft bestehen.
Improvisation überlässt sie „Doc” Wegele, der weit mehr ist als nur ein kultivierter, sensibler Begleiter an den schwarzen und weißen Tasten, vielmehr, wie schon Sheila Jordan vor Jahren sagte, „a wonderful pianist”. Inzwischen ist er auch zu einem Komponisten herangereift, dessen Songs sich auch neben jenen aus der Feder von Songwritern wie George Gershwin, Johnny Mandel oder seiner pianistischen Kollegen Jimmy Rowles und Mal Waldron nicht zu verstecken brauchen. (Es ist kein Zufall, daß Gershwin, dieser zwischen Spätromantik, Impressionismus und Jazz vermittelnde Genius für den Löwenanteil des Repertoires verantwortlich zeichnet.) Wegele ist ein Vollblutjazzer, doch er musiziert so, dass man sich wundert, dass je Grenzen zwischen jazzigen und klassischen Tastenspielen gezogen wurden. Er präsentiert seine Werke und seine Neudeutungen ehrwürdiger Songs nicht als auftrumpfender Tastenlöwe, sondern zelebriert sie mit zartem Gespür für Zwischentöne und liebenswürdigen Feinsinn.
Der mit den Stücken vertraute Hörer horchet auf: Hier eine geschmackssichere Reharmonisierung oder ein unerwarteter Rhythmus, da verblüffende voicings, dort ein ausgeklügeltes Arrangement. Und, Wunder der Verwandlung, plötzlich klingt ein altvertrauter Jazzstandard streckenweise so, als sei es einmal ein Einfall von Debussy oder Poulenc gewesen.
Entstanden ist ein an poetischen Stimmungen reiches Album, dessen Programm man live erleben möchte. Mögen sich die beiden auf Dauer zusammentun!