Art des Lebens 22. Februar 2010 | 15:00 min Die Oboe war eine Liebe erst auf den zweiten Blick. Heute spielt Annedore Wienert mit ihr leidenschaftlich Klassik und Jazz.Im Porträt: Annedore Wienert
Unter dem folgenden Link kann man den Film auch im Internet anschauen.
Klaus Mümpfer - 2009 Necessarily Two - Fluxx - LC10214
Zum Einstieg swingt Peter Wegele auf dem Piano und beschwingt interpretiert auch die Oboistin Annedore Wienert die Wegele-Komposition „Storia“. In der Regel überlässt die Berlinerin ihrem Begleiter an den Tasten die jazzige Improvisation, folgt mit der Oboe und dem eine Quinte tiefer gestimmten Englischhorn den ausgeschriebenen und für das Duo arrangierten Melodien. Dabei bringen die aus der Barockmusik und den Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts bekannten Instrumente neue Klangfarben ins Spiel. Die Arrangements von Kompositionen aus eigener Feder, aus der von George Gershwin, aber auch von Jazz-Pianisten wie Mal Waldron oder Jimmy Rowles fließen im Allgemeinen ruhig dahin, aufgelockert durch tänzerisch beschwingte Passagen sowie perlende Piano-Linien zu den lyrischen, manchmal im Vibrato hüpfenden, Melodiebögen auf Oboe und Englischhorn. Von durchaus klassischen Charakter ist Gershwins „Prelude No.2“. „It Ain´t Necessarily So“ und „The Man I Love“ klingen vertraut und erhalten durch die näselnden Doppelrohrblasinstrumente dennoch neue, interessante Klangfarben. Spannungsvolle Reize gewinnen die Duos zudem durch das Zusammentreffen von auskomponierten Passagen und spontanen Interaktionen. Die aus der Klassik kommende Oboistin baut dabei voll auf den betörenden Klang ihrer Instrumente – wie in der Rowles-Komposition „The Peacocks“ -, versucht gar nicht erst, mit jazziger Phrasierung zu improvisieren, und steht damit in einem anmutigen, ergänzenden Kontrast zu dem Jazzpianisten, der in seiner sensiblen und den Blasintrumenten zuliebe ökonomischen Begleitung die offensichtliche Neigung zur Barockmusik nicht verleugnet. „Necessarily Two“ ist keiner der üblichen „Jazz meets Klassik“-Versuche. Die Scheibe kann Jazz-Puristen vielleicht nicht zufrieden stellen, ist aber für Jazzer wie Klassiker mit offenen Ohren eine lohnenswertes Hörerlebnis.
Klaus Mümpfer M u e m p f e r K l a u s @ w e b . d e www.jazzpages.com/Muempfer
CD Necessarily Two bei Novum
Wie eindrucksvoll Sirio verarbeitet und verändert werden kann, zeigt auch nebenstehendes Beispiel einer CD Hülle für das Klassikduo “Necessarily Two” (www.necessarily-two.de), die von Vladan Srdic gestaltet wurde. www.fedrigoni.de
Nordbayerischer Kurier 17./18. Januar 2009
Ein interessantes Jazzprogramm boten die Oboistin Annedore Wienert und der Pianist Peter Wegele am Donnerstag im Kammermusiksaal des Steingraeberhauses. Die Kombination von Oboe beziehungsweise dem von Wienert auch gespielten Englischhorn mit Klavier ist sowohl in der klassischen Musik als auch im Jazz äußerst selten, sodass ein außergewöhnlicher Klangreiz entstand…Die Grundstimmung des Abends war ruhig-meditativ. Trotzdem gelangen beiden Künstlern in der Mischung sehr differenzierte Schattierungen. Ausgesprochen dunkle Kompositionen wie … Gershwins „My Man´s Gone Now“ wechselten mit Blues-nahen Stücken wie „Taxi“ und lieblichen Momenten in der italienischen Canzone „Roshe,Roshe“ sowie in dem Gershwin-Klassiker „The Man I Love“ ab…Prägend waren stets die ausdrucksvollen Kantilenen von Wienerts Oboe und Englischhorn sowie die sehr abwechslungsreichen, oftmals an Debussy und Ravel erinnernden Klavierharmonien von Peter Wegele. Die Nähe zu experimentellen Zügen der Neuen Musik war in der Neukomposition „Colours“ zu spüren, in welcher Wegele auch im Innern des Klaviers mit den Saiten experimentierte. Abgeschlossen wurde das Programm mit an Bela Bartok bekannte Balkantänze erinnernden „Svekar“…Für den frenetischen Applaus im voll besetzten Kammermusiksaal bedankten sich die Künstler mit einer Zugabe: wiederum einem Gershwin-Klassiker.
(Sönke Remmert)
Münchner Merkur 10. November 2008
… Das Programm wechselte zwischen eigenen Arrangements von Peter Wegele und den Interpretationen der Musik des amerikanischen Pianisten, Komponisten und Dirigenten George Gershwins. Seiner ruhigen Musik, die schnell auch andere Gesichter zeigt, widmen sich die Beiden mit großem Respekt. Folglich gab es viel von Gershwins Lebenswerk zu hören, wie den weltberühmten Jazz-Standard „The Man I Love“. Das Englischhorn gab diesem Stück eine andere Note, als man sie … im Original von Gershwin kennt.
Ähnlich verhielt es sich mit dem klassischen Klavierstück „Prelude Nr. 2“ des Amerikaners. Darin begann Wegele am Flügel dramatisch. Er setzte einzelne, dunkle Töne und ließ ihnen die Zeit, sich über den Resonanzkörper langsam zu verflüchtigen. Wienerts Oboe legte sich ein wenig später sanft und melancholisch über die Einstiegsinszenierung. Ein schwieriges Stück, das nach und nach in einen schnellen Wechsel von Tempo und Ruhe verfiel. Bei der Interpretation von Passagen aus Gershwins Oper „Porgy and Bess“ gelang es der Berliner Musikerin, mit der Oboe oder dem Englischhorn das gleiche Gefühl zu vermitteln, wie es ein Text per Gesang nicht viel besser aussprechen könnte.
Zwischen die romantischen Balladen, mischten sich immer wieder eigene Arrangements von Wegele, die frecher wurden, die Dynamik und Rhythmik ins Geschehen brachten. So hob sich ein „vogelwildes Stück“, wie der Jazz-Pianist es ankündigte, stark von allem übrigen des Abends ab. Es war eine verjazzte Improvisation eines serbischen Volksliedes, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit … Heiterkeit und Frohsinn drückte das Stück aus, doch zusehends wurden die Klanglinien gegenläufig, verwickelten sich, tanzten und hüpften, bis sie letztlich an eine ausgelassene Stimmung am Rummelplatz erinnerten. Die schnellen Jazz-Passagen von Wegele am Flügel forderten die gemächlichen Orchesterinstrumente von Annedore Wienert ordentlich heraus, doch verstand sie es, mit strenger Führung aus ihnen ungeahntes Temperament zu locken.
Die Kombination aus ruhige Balladen und dreistem Jazz ist den beiden Musikern auf “Necessarily Two” geglückt.
(Andrea Weber)
Necessarily Two - Zwei reichen, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen
B5 Kultur Nachrichten 10.04.2008, Birgit Schmeitzner
Münchner Merkur vom 12./13. Mai 2007
… Klassik trifft Jazz. Das musikalische Ergebnis war ein Zusammenspiel, das sich wunderbar ergänzte, ein Klangteppich, in dem sich die Gegensätze der Elemente auf interessante Weise ineinander verloren.
„Es ist ein Experiment” sagt … Wegele über die Arbeit mit der Berlinerin Wienert. Eine Arbeit, die in wenigen Wochen auf einer CD verewigt werden soll. Konzerte in Leipzig, München, Berlin und Graz dienen als Vorbereitung auf die Aufnahme … Alle Stücke, viele davon vom US-Komponisten George Gershwin, hat Wegele selbst arrangiert. Dazu kommen Eigenkompositionen wie „Taxi” oder „November Song”. Immer wieder zeigte sich dabei, wie herrlich die ruhigen und gedeckten Töne der Blasinstrumente mit der Spritzigkeit des Pianos harmonieren. Oboe und Englisch Horn sind laut Wegele Instrumente, die nicht unbedingt mit dem Jazz in Verbindung gebracht werden. „Wir sind aber der Meinung, dass das wunderbar zusammenpasst.” Ein gelungenes Experiment.
Marcus A. Woelfle, Bayerischer Rundfunk
Der Klang der Oboe ist vor allem durch die Barockmusik im kollektiven Unbewußten der Musikhörer präsent, der des tieferen Englischhorns eher aus sinfonischen Solopassagen der Spätromantik. Fast immer sind die Doppelrohrblattinstrumente Träger lyrischer Stimmungen; oft wecken sie durch ihre Verwandtschaft zum Hirteninstrument Schalmei pastorale Assoziationen. Seit Bob Cooper und Lester Young in den 50er Jahren haben viele Musiker mit mehr oder weniger Erfolg versucht, der Oboe und dem Englischhorn jazzmäßige Wirkungen abzuringen. Richtig heimisch wurden sie im Jazz nie. Annedore Wienert spielt sie so, wie sie Musikfreunde aus der klassischen Musik kennen und lieben, mit der dazugehörigen traditionellen Artikulationskultur, doch - das ist die Novität - sie tut dies in einem Jazzkontext. Mit einem direkt in das Herz des Songs und des Hörers treffenden Klangsinn geht sie ans Werk, offenbart Finesse und Feeling, ohne je der Versuchung zu erliegen, wirklich Jazz spielen zu wollen. Sie vermag den betörenden Klang ihrer Instrumente mit solch einer Innigkeit zu entfalten, dass man es nicht vermisst, dass sie keinen einzigen Chorus improvisiert. Sie lässt Pretiosen aus dem Great American Song Book und Originals aus der Feder Peter Wegeles in ihrer natürlichen Wirkkraft bestehen.
Improvisation überlässt sie „Doc” Wegele, der weit mehr ist als nur ein kultivierter, sensibler Begleiter an den schwarzen und weißen Tasten, vielmehr, wie schon Sheila Jordan vor Jahren sagte, „a wonderful pianist”. Inzwischen ist er auch zu einem Komponisten herangereift, dessen Songs sich auch neben jenen aus der Feder von Songwritern wie George Gershwin, Johnny Mandel oder seiner pianistischen Kollegen Jimmy Rowles und Mal Waldron nicht zu verstecken brauchen. (Es ist kein Zufall, daß Gershwin, dieser zwischen Spätromantik, Impressionismus und Jazz vermittelnde Genius für den Löwenanteil des Repertoires verantwortlich zeichnet.) Wegele ist ein Vollblutjazzer, doch er musiziert so, dass man sich wundert, dass je Grenzen zwischen jazzigen und klassischen Tastenspielen gezogen wurden. Er präsentiert seine Werke und seine Neudeutungen ehrwürdiger Songs nicht als auftrumpfender Tastenlöwe, sondern zelebriert sie mit zartem Gespür für Zwischentöne und liebenswürdigen Feinsinn.
Der mit den Stücken vertraute Hörer horchet auf: Hier eine geschmackssichere Reharmonisierung oder ein unerwarteter Rhythmus, da verblüffende voicings, dort ein ausgeklügeltes Arrangement. Und, Wunder der Verwandlung, plötzlich klingt ein altvertrauter Jazzstandard streckenweise so, als sei es einmal ein Einfall von Debussy oder Poulenc gewesen.
Entstanden ist ein an poetischen Stimmungen reiches Album, dessen Programm man live erleben möchte. Mögen sich die beiden auf Dauer zusammentun!